KUKUK Kultur- und Kleinkunstring Rheine eV

 

Urkomischer Slapstick und Artistik am seidenen Faden




Herrin der Ringe: Marina Yakubova aus Moskau.

(Fotos: Winter/Dierkes)



Rheine. Der Umzug des Kleinkunstfestivals vom Rämmi-Dämmi-Zelt in die Stadthalle fiel den Veranstaltern, den Aktiven und besonders dem Publikum nicht schwer. Rainer Beckmann begrüßte am Eröffnungsabend dieser Varieté-Gala (Donnerstag) als 1. Vorsitzender des Kleinkunstvereins KuKuK und Projekt-Partner des Verkehrsvereins Rheine ein begeistertes Publikum, das zu keiner Minute die veränderte Örtlichkeit bedauern musste. Das Zirkuszelt hatte zum Publikum die unmittelbare Nähe gehabt, die Stadthalle hatte sie gefunden.


Die Tischbestuhlung und eine vorgebaute Bühne schufen eine Atmosphäre abendlicher Varieté-Unterhaltung, und die vielen Artisten agierten unmittelbar vor oder sogar mitten unter den Zuschauern.

Großen Anteil an dieser Nähe hatte das Moderatoren-Duo Rick van Noeten und Ferdinand Fachblatt, die als „Lonely HusBand“ die „Ansprache“ herstellten. Sie hatten eine „spontane Begrüßung nicht vorbereitet“, ihre witzigen Nonsens-Dialoge quasi aus dem Nichts sprachen alles an, was Lachsalven im Publikum auslöste. Mal im marokkanisch-beigen Sun-Outfit oder im Steuerprüfer-Look, mal „krass cool“ mit Pudelmütze wie „Arafat auf Helgoland“ oder mit mediterranem Sommer-Hit als „José altes casa und Don Fernando“ führte das Duo durch ein Programm (künstlerische Leitung: Heinz Siemering), das an Höchstleistungen der Komik und Artistik kaum zu überbieten sein dürfte.





Die erste Glanznummer bot der Hannoveraner Robert Wicke als Jonglier-Komödiant. Sein Können versteckte er hinter der gespielten Unbeholfenheit und begleitete das Gelingen mit kindlicher Glückseligkeit. Er jonglierte traditionell mit Bällen, aber auch mit fünf Keulen, die ihm aus dem Publikum zugeworfen wurden. Sein zweiter Auftritt zeigte ihn als „Beatboxer“: Mit einer tollen Geräusche-Imitation zeigte er die Arbeit eines DJs, der von Brahms bis zum Rock’n’Roll, von Schlager-Hits bis zur wildesten Techno-Percussion alles zu bieten hat.



FOTOSTRECKE

Haarsträubender Slapstick, atemberaubende...

Haarsträubender Slapstick, atemberaubende...

Haarsträubender Slapstick, atemberaubende...


Mit viel Applaus wurde das „Supertalent 2009“ Yvo Antoni mit seiner Hündin „PrimaDonna“ empfangen. Seine tierisch gute Nummer zeigte nonverbale Kommunikation zwischen Hund und Mensch in blinder Sicherheit. Der dressierte Jack-Russell-Terrier lief um den Partner herum und rollte sich auf Handzeichen, sprang aus dem Stand auf Bauch und Rücken und umrundete den Hals des Meisters. Die Freude im Können dieser einmaligen Partnerschaft sah der Zuschauer beim schwierigen Balanceakt der gelehrigen Hündin auf Yvos Rücken und Fußsohlen.




Tierisches Duo: Antoni & Primadonna



Antonis Frau, Marina Yakubova aus Moskau, verblüffte mit einer Hula-Hoop-Show, die Geschicklichkeit, anmutige Bewegung und Ästhetik großartig verband. Im Rhythmus schriller Staccato-Musik choreografierte die Artistin ihr Spiel mit den Reifen, die wie automatisch vom Hals bis zu den Knien wanderten. Im Sekundentakt wurde die Zahl der Hula-Hoops erhöht, bis zwanzig Reifen wie ein schwirrender Schleier an ihr herunterfielen.


Ach ja, da war ja noch der Hausmeister Stanke, der für den Szenenaufbau sorgen musste. Das häufige Zusehen beim Training der Artistentruppe ließ ihn übermutig selbst einen Auftritt wagen. In seiner anfänglichen Ängstlichkeit vom Publikum belacht und beklatscht, versuchte er einen Teppich über eine Reckstange zu hieven. Erst versuchte er es mit Schwierigkeiten, dann mit einer Leiter. Aus dem Kampf mit dem alten Perser entwickelte sich eine komisch-akrobatische Reck-Nummer mit Aufschwung und Überschlag, mit olympischer Riesenwelle und tollem Chaos-Abgang.

Doch eine Artistin darf nicht vergessen werden, weil sie bei sehr vielen Zuschauern den Höhepunkt dieser unterhaltsamen Varieté-Gala darstellte: die Seil- und Balanceakrobatin Antje Pode. Die Zuschauer erlebten ihren atemberaubenden Auftritt am Vertikalseil, das von der Lichtbrücke der Stadthalle zwischen die Zuschauertische fiel. Ihre akrobatische Show „an tausend seidenen Fäden“ wurde zum luftigen Tanz der schwebenden Leichtigkeit. Sie zeigte den Kopfhang und das schnelle Abwickeln, den Spagat zwischen dem geteilten Seil und das geschmeidige Hochhangeln. Der Atem der Zuschauer stockte, als Antje Pode sich von der Stadthallen-Decke stürzte und kurz vor dem Boden am seidenen Faden sicher hing.


Am Samstagabend geht mit der zweiten Gala-Show ein großartiges Kleinkunst-Festival zu Ende. Zum Besuch riefen alle Artisten im Finale auf: Jeder verabschiedete sich mit einem kleinen Trick seiner sehr großen Kunst.


VON INGMAR WINTER

 

„Summer night“ ging im Regen unter




Die ABBA-Formation in Partylaune (v.l.): Stefanie Polster, Henriette Groth, Jennifer Kothe, Peter Wehrmann.



RHEINE. Am Freitagabend war der schauerige Starkregen vorübergezogen, als die ABBA-Formation „Peter & the wolvettes“ die mobile Bühne auf dem Marktplatz betrat.


Das „Waterloo“, mit dem das schwedische Original-Quartett 1974 den Eurovision Song Contest gewann, schien abgewendet, meteorologisch - glaubten die Zuschauer zumindest. Doch Petrus deckte nach einer halben Stunde partylaunigen Auftritts den Marktplatz mit einer grauen Wolkendecke zu, aus der leichter Regen nieselte.






„Peter and the Wolvettes“ (v.l.): Jennifer Kothe, Henriette Groth, Peter Wehrmann und Stefanie Polster.



Die Zuschauer, die dennoch blieben, flüchteten sich unter die wenigen großen Schirme, standen vor dem überdachten Bierwagen oder unter den Vorsprüngen der Markthäuser.


Das Publikum allerdings wurde nicht enttäuscht von der Darbietung eines pausenlosen Song-Laufes durch die musikalische Erfolgswelt der schwedischen Pop-Gruppe. Dabei sollte ABBA nicht imitiert werden, denn die bekannte Quartett-Formation wurde aufgegeben zugunsten eines Sanges-Trios, das mit Stefanie Polster, Jennifer Kothe und Henriette Groth ausgezeichnet besetzt war.


Mit ansprechender Choreografie begeisterten die „Wolvettes“ das ausharrende Publikum, flotte Titel wie „Gimme Gimme Gimme“ oder „Dancing Queen“ wechselten ab mit balladesken Songs („One of us“), der rockige Disco-Hit („Lay all your love“) und die Ohrwürmer „Mamma mia“ und „Money Money“ setzten sich gegen gefühlvolle Titel wie „Chiquitita“ ab.


Doch diese Besetzung ist ungewöhnlich: Kein ABBA-Revival war angestrebt, sondern eine eigene Klangfarbe durch Dreistimmigkeit versucht: ABBA - aber a capella!


Dieser Versuch gelang ausgezeichnet, denn die erforderlich rhythmische Begleitung kam aus dem Munde von Peter Wehrmann, dem „Beatboxer“, der schon vor Jahren unter der Vermittlung von Conny Dirkes bei der „Woche der kleinen Künste“ auf unserem Marktplatz aufgetreten ist.


Am letzten Freitagabend war „Vocal-Drummer“ Peter Wehrmann, der Halbfinalist der RTL-Supertalent-Show, der Percussion-Man der drei Sanges-Ladies, und er gab in einem Solo-Vortrag Proben seines einzigartigen Könnens.


Peter Wehrmann, Meister der „Art of Mouth“, stellte (klanglich) die gesamte Batterie eines Schlagzeugs vor, die Base mit ihrem Groove und die wirbelnde Snare, das trockene Tom-tom und das zischende Hi-Hat.


Der Klang aller Schlagwerke aus einem Munde imitierte den Techno-Sound genauso virtuos wie den Alpendudler. Wehrmann, der deutsche Vorreiter des Beatboxings, nahm die begeisterten Zuschauer mit vom behäbig polternden Polkarhythmus in die südamerikanische Rio-Ausgelassenheit.


Den Regen bemerkte das Publikum kaum, es ließ sich mitreißen von den Erfolgshits einer großen Pop-Ära. Zum Schluss winkten Peter Wehrmann und seine charmanten Mädels „So long“ in die dunkle Marktplatz-Nässe, und auch das war ein Abgang, „Thank you for the music“.


Ingmar Winter

 

Der „Oblivion Express“ kommt aus der Vergessenheit




Brian Auger beim Improvisationsspiel an der Hammondorgel.



Rheine. Die Journalisten internationaler Musikmagazine tun sich nicht schwer, Jazzern und Rockern, die Jahrzehnte lang ihrem charakteristischen Musikstil treu geblieben sind, den Ehrentitel „Legende“ zu verleihen. Aus dem Reich der musikalischen Unsterblichkeit kam Brian Auger auf Einladung des Kultur- und Kleinkunstrings Rheine (KuKuK) am vergangenen Mittwochabend ins Tholi, eines der vielen Stationen einer erfolgreichen Europatour.


Mit seiner neuen Family-Band „New Oblivion Express“, verstärkt durch den US-Bassisten Les King, erinnerte Brian Auger vor knapp 50 Besuchern auf der Kleinkunstbühne im Life House an die späten 60er und frühen 70er Jahre, als er mit der Sängerin Julie Driscoll die Band „Trinity“ gründete und weltweite Erfolge feiern konnte. Und die Erinnerung war an diesem Abend wieder da, im Ohr geblieben mit dem typischen Sound, den Brian Auger aus Elementen von R&B, Jazz und Rock und durch den Einsatz seiner Hammondorgel zu einem „legendären“ Band-Stil mischte.






Savannah Grace Auger als Sängerin



Die Eröffnung des Konzerts („Liston“) setzte alle Zuhörer vierzig Jahre zurück, immer noch dieselbe groove-betonte Mischung aus der Rhythm and Blues-Tradition mit den wohltuenden melodischen Jazz-Soli über harmonischen Orgelklängen. Brian Auger, inzwischen 72 Jahre alt, besticht immer noch durch sein dynamisches Spiel, das er kraftvoll und kreativ auf den Tasten feiert. Sein Sohn Karma am Schlagzeug bewies sein hohes Können, rhythmisch prägnant und zuverlässig in der Begleitung, furios und schlagwirbelnd in seinem solistischen Spiel.


Das Programm, das ohne Pause kraftvoll und stringent geboten wurde, präsentierte die Hit-Klassiker der ehemaligen Gruppe „Trinity“, die mit der Sängerin Julie Driscoll das weltweit beachtete Doppelalbum „Streetnoise“ (1969) herausbrachte. Ein Ehepaar unter den Zuschauern hatte vor mehr als 40 Jahren die „Granate Driscoll“ live erlebt, und man wollte an diesem Abend Brian Auger´s Tochter Savannah Grace als Lead-Sängerin hören. „Doch, sie kann es auch, eben bloß ganz anders als die Driscoll“, urteilte das Paar.


Savannah Grace Auger stellte sich mit „Season of the witch“ vor, mit ruhiger und ausdrucksstarker Stimme interpretierte sie auf ihre Weise den berühmten Bob-Dylan-Song, bereichert durch schleifende Orgeleffekte, einem perkussiven Saiten-Solo von Les King und tänzerischen Bewegungen. Sie stellte sich dem wirbelnden Charme der Driscoll als eine Sängerin zum Vergleich, die mit expressiv verinnerlichter Stimme die Old-time-Hits sang. Kräftig schneidend in den hellen, voll tönend in den dunklen Vokalen erinnerte sie an „Save me“ und „Road to Cairo“, und natürlich kam sie an „Wheel´s on fire“ und „Light my fire“ nicht vorbei. Ihre emotionale Stimmkraft bewies Savannah Grace im Blues „Cry me a river“, den sie einfühlsam mit wiegenden Bewegungen als Aussage der Wehmut vergangener Liebe rüberbrachte.


Mit viel Beifall wurde „Break it up“ (1969) begleitet. In angenehmer Choreografie, mit kraftvoll einsetzender Stimme wurde der Song gesungen, vom virtuosen Orgel-Spiel mit asymmetrischer Rhythmusbegleitung wirkungsvoll in Szene gesetzt. Und so wurde der Abend zur guten Erinnerung an eine „Legende“, deren Verjüngung in familiärer „Dreieinigkeit“ leider von zu wenig Zuschauern erlebt wurde.


VON INGMAR WINTER